Germania Italiana – vom binationalen Horizont zur individuellen Perspektive

Thomas Krefeld , Teresa Barberio (München)

GD HS1

Am Beispiel der Germania italiana, d.h. der in Deutschland lebenden Italiener und der Deutschen mit italienischem Hintergrund, lässt sich in exemplarischer Weise zeigen, wie schwer die seit den 1950er Jahren entstandene multiple und in vielfacher Hinsicht grenzüberschreitende Realität der modernen europäischen Staaten begrifflich zu fassen ist; es fehlt im weithin noch (und wieder zunehmend) national geprägten Horizont an adäquaten Kategorien. So wird im Beispielsfall der politische, aber auch alltagssprachliche Abgrenzungsbegriff der „Minderheit“ weder von den zugehörigen Personen reklamiert, noch werden sie damit – glücklicherweise – von den anderen in Deutschland lebenden Personen oder den Massenmedien identifiziert. Auch ganz unabhängig von der fehlenden Identifikation der genannten Population als gesellschaftlich minoritäre Gruppe gibt es höchstwahrscheinlich auch keine spezifischen kulturellen Techniken, an denen die Zugehörigkeit zur Germania italiana durchgängig und trennscharf festgemacht werden könnte, weder an der Sprache, noch an einer spezifischen Religion, an Erwerbstätigkeiten, Ernährungsgewohnheiten oder anderen konventionellen Alltagsritualen; ebenso wenig lassen sich trotz großer regionaler Unterschiede ‚eigene‘ Wohngebiete isolieren. Aus diesen Gründen wäre auch die ausgrenzende Redeweise von einer Ethnie unangemessen. Vielmehr ist es so, dass ‚Italiener‘ und ‚Italienisches‘ seit ca. 60 Jahren in der Bevölkerung und Alltagskultur Deutschlands diffundieren: Italienisch und italienische Dialekte werden nicht nur von (den meisten) italienischen Migranten und ihren Nachfahren gesprochen, sondern Italienisch wird mittlerweile in den Gymnasien etlicher Bundesländer als Fremdsprache gelehrt – und gelernt; zahlreiche Komponenten der ganz unauffälligen Lebenswelten, aber auch des besonderen life style, sind italienisch geprägt. Es wäre jedoch falsch, die skizzierte Diffusion mit dem Verschwinden der Italianität gleichzusetzen; denn der Wohnortwechsel zwischen Deutschland und Italien ist nach wie vor aktiv: Einerseits sind Italiener zurückgekehrt, andererseits ist nach 2009 ein massiver neuer Zuzug nach Deutschland erfolgt; es ist wenig darüber bekannt, ob, und wenn ja, wie sich diese sogenannten Expats mit der älteren Immigration und ihren Nachfahren in Gestalt lokaler communities organisieren. Die Beiträge des Panels sollen daher die Geschichte der Germania italiana in Schlaglichtern erhellen und den Übergang vom stark binational geprägten Horizont der 1950er und 1960er zur individuell pointierten Perspektive der letzten Jahre reflektieren.

Talks

Die bilinguale Schule Leonardo da Vinci, München

Patrizia Mazzadi (München)

Zwischen neuer Mobilität und traditioneller Arbeitsimmigration: Die aktuelle italienische Immigration nach Deutschland

Edith Pichler (Potsdam)

Auswanderung als Emanzipation – Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Norma Mattarei (München)

München – eine Einwanderungsstadt? Städtische Integrationspolitik und aktive Teilnahme der italienischen Organisationen am politischen und gesellschaftlichen Leben in den 1970er Jahren

Grazia Prontera (Salzburg)