Sprachliche Grenzziehungspraktiken und das Sprechen an und über Grenzen: Zu den Herausforderungen aktueller linguistischer Grenzforschung

Maria Klessmann, Rita Vallentin (Frankfurt/Oder)

GD HS1

Grenzen sowie deren sozial- und kulturwissenschaftliche Erforschung sind Gegenstand verschiedener wissenschaftlicher Auseinandersetzungen, die mittlerweile (erfolgreich) die Erweiterung eines geopolitischen Grenzbegriffs um soziale, symbolische sowie ästhetische Grenzen und Grenzziehungspraktiken vorantreiben. Linguistik und Grenzforschung haben dort ihre Schnittstellen, wo es z.B. um ethnisierte Grenzziehungspraktiken und deren sprachliche Realisierung geht (vgl. Wimmer 2008; Vallentin 2015), wo Dialekt- und Sprachgrenzen untersucht werden (vgl. Schwarz 2019; Zinkhahn-Rhobodes 2016), wo Grenzdiskurse Fragen von gesellschaftlicher Öffnung und Schließung oder ganz grundsätzlich die Bedeutung von ‚Grenze’ bearbeiten (vgl. DeChaine 2012; Rheindorf/Wodak 2018), beziehungsweise wo das Sprechen in Grenzregionen von Minderheitenangehörigen oder anderen sozialen Gruppen beschrieben wird (vgl. Voss 2018; Gerst/Klessmann 2015; Meinhof/Galasiński 2002). Deutlich wird, dass es sich dabei grundsätzlich um verschiedene Beschreibungsebenen handelt: Grenzziehungen werden erstens als sprachliche Praktiken der Differenzherstellung, -aktualisierung oder destabilisierung begriffen. ‚Grenze’ wird zweitens als etwas diskursiv Hergestelltes und Bearbeitetes verstanden. Drittens wird der Gegenstand Grenze in seinen historischen, territorialen oder politischen Ausprägungen betrachtet und als Folie bzw. Kontext für die Untersuchung verschiedener Sprachmerkmale o. Ä. verwendet. Insgesamt kann hier also ein breites linguistisches Anwendungsfeld von Grenzforschung beschrieben werden. Dennoch stellt die linguistische Grenzforschung ein theoretisch noch marginales Feld dar, wird es doch vornehmlich von empirischen Fallstudien dominiert, die stark auf lokale Spezifika eingehen und/oder Grenzen selten explizit theoretisch grundieren. Grenzen werden dann zum Thema, wenn sie augenscheinlich sind, weil sie etwa eine (linguistic) Borderscape prägen oder von Sprechenden explizit in Interaktionen hervorgehoben werden. Das Panel schlägt vor, die ‚Sprachlichkeit der Grenze’ aus verschiedenen Sub-Disziplinen der Linguistik, in denen Grenzforschungsansätze – wenn auch selten zahlreich – vertreten sind, systematisch zu beleuchten und damit theoretisch zu fundieren. Für dieses Anliegen versammelt das Panel Vorträge, die spezifische Relationen zwischen Grenzen und Sprachlichem betrachten.

Talks

Ebenen der Repräsentation sprachlicher Grenzen

Marek Nekula (Regensburg)

(Noch) hörbare Unterschiede trotz unsichtbarer Grenzen: Zu Theorie und Empirie einer russlanddeutschen Sprachinsel in Auflösung

Edgar Baumgärtner (Frankfurt/Oder)

Kiezdeutsch sprechen, ohne Kiezdeutschsprecherin zu sein: Sprachliche Praktiken der Grenzziehung und Identitätsbildung

Naomi Truan (Leipzig)