Un/sichtbare Ränder? Alltagskultur als ästhetische, politische und soziokulturelle Markierung historischer Grenzziehungen

Peter Ulrich, Florian Grundmüller (Frankfurt/Oder)

AM 104

Grenzen sind in der EU meist nur noch administrativ oder politisch erkennbar, geographisch oder materiell allerdings kaum mehr wahrnehmbar. Zwischen den meisten Nationalstaaten der EU bleiben die politischen Grenzen daher großteils unkontrolliert. Ebenso sind ehemalige, historische Grenzen weitgehend unscheinbar. Wo einst eine Grenze verlief, ist sie heute nur noch selten an Ort und Stelle erkennbar. Dennoch klingen ehemalige Grenzziehungen in Alltagspraktiken nach, werden politisch-diskursiv neu hergestellt oder ästhetisch aufgeladen und verarbeitet.
Das Panel versucht, Praktiken des Alltäglichen, der Politik und Ästhetisierung an und von Grenzen zusammenzuführen und Methoden der Sichtbarmachung unsichtbar gewordener Grenzen aufzuzeigen.
Wie markieren Alltagspraktiken wie Mobilität, Arbeit und Konsum ehemalige Grenzziehungen und Asymmetrien? Pendelverhalten, Arbeitsmobilitäten und grenzübergreifende Wirtschaftsstandorte markieren Grenzen durch unterschiedliche Motivationen der Grenzgänger*innen, wie etwa ein höheres Einkommen auf der einen Seite, günstiger Wohnraum oder bessere steuerliche Konditionen auf der anderen Seite. Unsichtbare historische Grenzen können aber auch trennen und diskursiv und performativ ständig erneuert und wiederhergestellt werden: Durch das bewusste Überqueren der ehemaligen Grenze oder differenzierende Fremd- und Selbstzuschreibungen und damit durch die Transformation politisch-territorialer Grenzen in symbolische.
Auch durch politische und institutionelle/ institutionalisierte Praktiken kann eine unsichtbare nicht mehr existente ehemalige Grenze wiederbelebt werden. Politische Akteure “benutzen” alte, nicht mehr existierende Grenzen, um neue Formen von Gemeinschaft, Identitätsstiftung und dritte Räume entstehen zu lassen. Durch politische Praxis können unsichtbare Ränder erst als solche wahrgenommen werden und als Ressource etwa in den Bereichen Tourismus, kulturgeschichtliche Erinnerung, zivilgesellschaftliches Engagement und regionale Verwaltungskooperation von den Akteuren genutzt werden. Beispiele dafür wären jährliche Erinnerungszeremonien zum Tag der “Transformation” oder “Abbau” der Grenze, permanente Ausstellungen in Museen oder geschaffene Infrastrukturen wie etwa Radwanderwege entlang historischer Grenzen.
Überreste alter Grenzanlagen und Spuren von Übertritten materialisieren darüber hinaus ehemalige Grenzen als solche und zeichnen deren Verläufe nach. Das Panel geht daher auch auf die Frage ein, wie der Blick auf die abgebaute Grenze zur Wiederholung der Grenze selbst wird und inwieweit die Spurensuche eine Form des Reenactments der Grenze sein kann. Ästhetische Praktiken in Bezug auf Grenzen können demnach einerseits die Konstruiertheit politisch-territorialer Grenzen aufzeigen, andererseits die symbolische und kulturelle Bedeutung der Grenzen manifestieren.
Das interdisziplinär ausgerichtete Panel versammelt Beiträge zu Praktiken des Alltäglichen, der Politik und Ästhetisierung an und von Grenzen aus dem Feld der kulturwissenschaftlichen Border Studies. Neben empirischen Untersuchungen sind auch konzeptionell-theoretische und methodologische Beiträge zu Alltagspraktiken an historischen Grenzmarkierungen vorgesehen.

Talks

Eine Grenzregion sehen. Zur Un/Sichtbarkeit von Grenzen im Kontext grenzüberschreitender Raumkonstruktion

Ulla Connor (Luxemburg)

Wovon kaschubische Muster erzählen. Zur Sichtbarmachung, Materialisierung und Ästhetisierung von Grenzen in der Kaschubei

Oliwia Murawska (Innsbruck)

Everyday bordering practices in a Swiss border valley

Emmanuel Charmillot, Oliver Pedersen (Neuchâtel)

Borderscapes: between in/visibility and performativity

Nicoletta Grillo (Mailand)